Neuropsychologie


Diagnostik

Neuropsychologische Diagnostik stützt sich üblicherweise in erster Linie auf ein Aufnahmegespräch, mehr oder minder standardisierte – Testaufgaben und neuropsychologische Leistungstests und auf Verhaltensbeobachtungen während der Testung und im Gespräch. Das Gespräch gibt uns erste Informationen über die Wachheit, den Antrieb, das formale Denken, den emotionalen und psychischen Zustand und Kommunikationsvermögen des Patienten. Jeder Patient reagiert in der akuten oder fortgeschrittenen Phase der Erkrankung emotional und psychisch unterschiedlich. Die Erfassung des emotionalen und psychischen Zustandes ist ein wichtiger Teil der neuropsychologischen Diagnostik. Manche Patienten reagieren ängstlich, zurückhaltend, antriebslos und weinerlich, bezüglich des Krankheitsbildes depressiv. Andere sind wieder positiv gestimmt bis euphorisch. Beides kann positive oder negative Auswirkung auf die aktuelle Leistungsfähigkeit des Patienten haben. Die Testuntersuchung fordert den Einsatz einer bestimmten geistigen oder allgemein intellektuellen Fähigkeit (Aufmerksamkeit, Ausdauer, Reaktion, Denkprozesse, Arbeitsbelastbarkeit, Fahreignung) bei der Aufgabenausführung und stellt fest, ob diese Fähigkeit oder Funktion zum Teil oder voll intakt oder gestört ist. Daraus kann man schließen, ob der Patient erfolgreich sein wird, wenn die gleiche Funktion in einem anderem Kontext gefordert wird. So gesehen stellen auch die neuropsychologische Untersuchung und Therapie nur einen von zahlreichen Kontexten mit spezifischen Anforderungen an Verhalten und an psychische Funktionen dar. Für die Erfassung der geistigen und intellektuellen Fähigkeiten des Patienten nutzen wir je nach der Belastbarkeit des Patienten mehr oder minder standardisierte – Testaufgaben und neuropsychologische Leistungstests (Papier-Bleistift, Computer) oder auch nicht standardisierte Verhaltensbeobachtungen einer psychosozialen Auswirkung der neuropsychologischen Störung und Leistungsdefizite in alltäglichen Situationen.


Therapie

In der Therapiesituation wird eine Aktivität trainiert, die durch den Ausfall einer Gehirnfunktion beeinträchtig ist. Durch das Training bessert sich die gestörte Funktion. Dies wirkt sich einerseits positiv auf die trainierte Aktivität, anderseits auch auf andere Aktivitäten, die dieselbe Funktion benötigen, aus.

Die funktionellen hirnorganischen Störungen manifestieren sich in folgenden Bereichen:


Kognitive Beeinträchtigungen und Störungen

Orientierung Zeitlich, situativ, örtlich, visuell- räumlich, zur eigenen und anderen Person
Aufmerksamkeit Selektiv, geteilt, ausdauernd, kognitives Leistungstempo, motorische Reaktion
Exekutivfunktionen Planen/Problemlösen, gezielte und geplante Handlung in alltäglichen Situationen
Gedächtnis und Lernen Merkfähigkeit, Gedächtnisstörungen, Lernfähigkeit
Kognitive Flexibilität und Abstraktion Intellektuelle Fähigkeit (das abstrakte Denken, Urteilsfähigkeit, Integration der höheren Funktionen bei komplexen Leistungen)
Rechenfähigkeit Umgang mit Zahlen und mit Geld, alltägliche mathematische Operationen
Kognitives Leistungstempo Psychomotorische Verarbeitungsgeschwindigkeit bei der gezielten oder komplexen Informationsbearbeitung

Sehen und Wahrnehmungsstörungen

Sehschärfe Veränderung der Sehschärfe im Rahmen des Krankheitsbildes
Verschwommensehen, Doppelbilder Veränderung des Sehbildes durch eine zentrale Beeinträchtigung der Augenmotorik (Okulomotorik)
Gesichtsfeldeinschränkungen Unterschiedliche Form der Hemianopsie nach einem treffenden cerebralen Insult
Störung der Hell- und Dunkeladaptation Empfindlichkeit der Augenadaptation auf Lichtänderungen

Spezielle neuropsychologische Störungen

Neglect körperlich, auditiv, visuell
Anosognosie Störungsbewusstsein
Agnosie sensorische Wahrnehmungsstörungen
Räumlich- konstruktive Leistungen konstruktive Apraxie
Alexie Lesestörung
Akalkulie Rechenstörung
Agraphie Schreibstörung
Apraxie eine Unfähigkeit der Ausführung einer korrekten motorischen Bewegung bei erhaltener motorischen Funktion, oder eine Unfähigkeit der korrekten Ausführung eines erworbenen Handlungsablaufes
Frontalhirnsyndrom eine Kombination von Antriebsminderung und Motivationsmangel, einer Störung des affektiven und/oder sozialen Verhaltens, einer Störung der Exekutivfunktion

Psychische Störungen und Reaktionen

Frustrationen reduzierte Erfolg bei Dysfunktionen
Depression depressive Verstimmung, Ängste, erlebte Traurigkeit, Resignation und sozialer Rückzug, Antriebsminderung bis Apathie
Emotionale Instabilität emotionale Labilität, Weinerlichkeit, unpassende Euphorie

Diagnostik und Therapiekonzepte

Im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung ist eine Erfassung und Objektivierung bestimmter Funktionen des kognitiven, exekutiven und expressiven Bereiches und ihrer Leistungsminderung nach einer Hirnschädigung im Vordergrund. Die neuropsychologische Untersuchung ist eine Voraussetzung für eine individuell angepasste neuropsychologische Therapie.

Für Objektivierung der Leistung im Rahmen der neuropsychologischen Diagnostik haben wir computerisierte und nicht computerisierte, standardisierte und minderstandardisierte Testverfahren und Batterie zur Disposition.


Ziele der neuropsychologische Rehabilitation (Therapie)

  • für die individuelle Problemlage der Patienten relevant
  • motivieren und positiv formuliert
  • während der Behandlung prinzipiell erreichbar
  • so formuliert, dass sie für alle Beteiligten verständlich und transparent sind

Therapieschwerpunkte

Sensorik

  • Allgemeine Sinneswahrnehmungen, z.B. der Bereiche Sehen, Hören
  • Agnosie (unterschiedliche sensorische Wahrnehmungsstörungen – taktil, visuell, räumlich)
  • Training der Okulomotorik (Augengymnastik, gezielte Exploration mit Augenklappe)
  • Training bei den Gesichtsfeldeinschränkungen bei einer Hemi-/Quadrantenanopsie (visuelle Exploration, Lesetraining)

Neglect

  • Training der Vernachlässigung der kontralateral vom Herd liegenden Körperseite und/oder des externen Raumes
  • TAP- Neglectuntersuchung, Papier-Bleistift Neglectuntersuchung
  • Fingerperimetrie
  • Konstruktive Leistungen (Blume, Sonne, Uhr, geometrische Figur nach Folstein)
  • Augengymnastik (gezielte Bewegungen der Augen, Strategie nach Kerkhoff & Münßinger)
  • Visuelle Exploration (visuelles simultanes Suchen nach Kerkhoff & Münßinger, Lesen..)
  • Körperwahrnehmung (bilaterale und unilaterale Übungen, taktile Stimulation)
  • Auditivwahrnehmung (simultanes Auditives Informationsbearbeitung)
  • Computerisierte sensorische Informationswahrnehmung, gezielt und integriert

Räumlich – visuelle und räumlich- konstruktive Leistungen

  • Ein räumlich-visuelles Wahrnehmungstraining, das einen visuellen Vergleich räumlicher Reize erfordert, z.B. Längen-, Distanz-, Positions- und Winkelschätzung ohne manuelle Leistung.
  • Ein Training der räumlichen Leistung mit manuell- konstruktiver Komponente und visueller Kontrolle

Apraxie

  • Ideatorische Apraxie (Training des Handlungskonzeptes –Idee, alttäglich orientiert).
  • Ideomotorische Apraxie (Training einer alltäglichen Bewegungssteuerungsstörung)

Aufmerksamkeitsstörungen

  • Selektive Aufmerksamkeit ( fokussierte Leistungen, interne und externe Ablenkbarkeit, auditives und visuelles System der Informationsverarbeitung) .
  • Geteilte Aufmerksamkeit ( Verarbeitung von mehreren Reizen auf einmal).
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit (kognitives Arbeitstempo und motorische Reaktion).
  • Dauerkonzentration (Aufmerksamkeit über längere Zeit bei häufigen Reizen).
  • Vigilanz (Aufmerksamkeit über längere Zeit bei seltenen Reizen)

Orientierung

  • Gezieltes Programm für Training der Orientierung, einer Fähigkeit sich in zeitlicher, örtlicher, räumlicher, situativer und persönlicher Hinsicht, aufbauend auf frühere und gegenwärtige Wahrnehmungen zurechtzufinden

Lernen und Gedächtnis

  • Gezieltes Training sich Wahrnehmungen und psychische Erlebnisse durch unterschiedliche Hilfestrategien zu merken, daraus zu lernen und sich zu erinnern.
  • Prospektives Gedächtnis (suche nach versteckten Gegenständen).
  • Kurzzeitgedächtnis (verbal, visuell).
  • Komplexes Gedächtnis (verbal, kurzfristiges Gedächtnis/längerfristiges Gedächtnis).
  • Verbales Lernen (Wortpaare)

Sprache

  • Gezielte kognitive Therapie (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lesen, Schreiben, motorischer und ideatorischer Handlungsablauf, eine komplexe Informationsverarbeitung,..) bei den Aphasiekern, interdisziplinär mit der Logopädie

Planen und Problemlösen

  • Training des Planes, einer kognitiven Repräsentation des Ablaufs einer Handlung. Training einer Vorstellung von Art, Ordnung und Ausführung der einzelnen Handlungsschritte (Ziele und Idee produzieren, sinnvolle Reihenfolge der Einzelschritten beschreiben und ausführen).
  • die Bildung und Auswahl von Handlungszielen
  • vorausschauendes Denken,
  • das Abwägen der Vor- und Nachteilen von Handlungsalternativen
  • Planen
  • die zielgerechtete Durchführung von Handlungen
  • die interne Übehrwachung und Steuerung einzelner Handlungsschritte
  • sowie die anschließende Bewertung des Erreichten

Kognitive Flexibilität und Abstraktion

  • Training der kognitiven Flexibilität, des situationsangepassten Handelns (nicht nur nach einem festen Handlungsschema operieren).
  • Training der Abstraktionsfähigkeit zur Begriffsbildung, z.B. Objekte unterscheiden und vergleichen zu können sowie Kategorien zu bilden, intellektuelle Umstellungsfähigkeit

Lesen und Schreiben

  • Kognitives Training (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, visuelle Exploration) bei der Leseunfähigkeit (Alexie) und einer Lesestörung bei zentralen Sehstörungen.
  • Graphomotorisches Training und Training der Geschicklichkeit bei der Schreibunfähigkeit (Agraphie).

Umgang mit Zahlen und Geld

  • Computerisiertes und nicht computerisiertes Training des praktisch-rechnerischen Denkens, bei der Akalkulie, bei starken Aufmerksamkeitsstörungen mit einer Störung der Assoziationsfähigkeit und des Kurzzeitgedächtnisses.
  • Umgang mit Geld (computerisiert, nichtcomputerisiert)

Umweltsteuerung

  • Empfehlungen für Umweltsteuerungsgeräte im Rahmen der Kompensation des Handicaps, besonders für kommunikative Interaktion

Computersteuerung

  • Bedienung des Computers, Grundcomputerprogramme und spezielle Therapieprogramme erlernen.
  • Beratung über Kompensationshilfsmittel, spezielle Tastatur, Monitor, Lupen, Software, Abdeckplatten für die Tastatur, Zubehör

Internetschulung

  • Internetvorstellung, eine Demonstration der Internetmöglichkeiten als modernes Kommunikationsmittel.
  • Beratung über eine Internetinstallation, Anbieter.
  • Erstellen einer kostenlosen, funktionellen E-mail – Adresse

Integrierte Aktivierung und Motivationsprogramme bei depressiven Patienten

  • Kognitives Hirnjogging (Feedback)
  • Computertraining (Spielprogramme)
  • Gesprächstherapie (Motivationsaspekte und psychologische Unterstützung im Rahmen des Therapieablaufes

Alternative Methoden


Visuelle RestitutionsTherapie

Die Visuelle RestitutionsTherapie wird speziell auf die jeweilige Sehstörung nach Schlaganfall, Kopfverletzungen oder Tumorerkrankungen abgestimmt. Das Training kann zuhause am Computer durchgeführt werden.

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